Erziehung ohne Belohnung

Erziehung ohne Belohnung

Ich lese sehr häufig, dass Hundeerziehung mittels positiver Verstärkung der aktuelle wissenschaftliche Stand sei. Als Psychotherapeutin für Kinder und Jugendliche kommt mir da immer sofort in den Sinn, dass wir in der Menschenerziehung schon längst andere Wege gehen. Und dann frage ich mich: Warum bleiben wir bei Hunden (und anderen Tieren) so hartnäckig im letzten Jahrhundert hängen?

Wie kann eine Methode, die 1930 entdeckt wurde und seither unverändert angewendet wird, als „aktueller wissenschaftlicher Standard“ gelten? Vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass seit 1940 die Bindungstheorien, seit 1960 soziales Lernen und seit den 2020ern bedürfnisorientierte (Kinder-)Erziehung erforscht werden.

Positive Verstärkung ist nicht der aktuelle wissenschaftliche Stand.

Sie mag immer noch Standard in der Hundeerziehung sein, ist allerdings ein veraltetes Konzept, was in seinen Ursprüngen niemals zum Ziel hatte, Tiere artgerecht zu erziehen. Es ging damals um die Erforschung tierischen und menschlichen Verhaltes bei gleichzeitiger methodischer Unfähigkeit, Gedanken und Gefühle zu messen.

Mittlerweile sind wir in der Lage, Stresshormone, Schweiß, Herzfrequenzen und Hirnströme zu messen, haben die Körpersprache der Hunde lesen gelernt und erkannt, dass Hunde sich an uns artübergreifend binden. Wir Menschen wissen seit langem, dass Tiere Gedanken und Gefühle haben. Jede Erziehungsmethode, die sich nur am Verhalten orientiert, ist weder zeitgemäß noch bedürfnisorientiert.

Wie erzieht man also, ohne zu belohnen?

1. Schritt: Perspektivwechsel

Du hörst auf, das Verhalten deines Hundes in gut und schlecht zu unterteilen. Gut, schlecht, positiv, negativ, erwünscht und unerwünscht sind deine Bewertungen, die deine Bedürfnisse widerspiegeln, nicht die deines Hundes. Durch diese Unterteilung drängst du deinem Hund menschliche Wertvorstellungen auf, die nicht zu ihm passen.

Beispiel 1: Dein Hund bellt Besuch an. Sobald es klingelt, stürmt er lautstark zur Tür, man versteht sein eigenes Wort nicht mehr. Es entsteht regelmäßig ein Handgemenge, während du versuchst, ihn daran zu hindern, alle anzuspringen und ihn auf seinen Platz schickst. Aber er tut nicht, was du sagst. Im Flur herrscht Chaos. Du bist genervt und die ganze Situation ist dir jedes Mal total unangenehm. Du wünschst dir, dass dein Hund ruhiger bleibt und sich zurücknimmt, wenn es klingelt und der Besuch die Wohnung betritt.

Beispiel 2: Dein Hund zieht draußen an der Leine. Kaum verlasst ihr das Haus, bist du für ihn quasi nicht mehr existent. Wenn du Leckerli dabeihast, interessiert er sich kurzzeitig für dich, aber gute Leinenführung ist anders. Aus Frust machst du die Leine immer zeitnah ab, damit er auf eigene Faust erkunden kann. Dabei musst du ihn immer wieder zurückrufen, damit er sich nicht zu weit entfernt. Das klappt in der Regel, oft genug aber auch nicht. Er ist schon mehrfach im Wald weggelaufen. Eigentlich hast du dir einen Hund geholt, um gemeinsam mit ihm unterwegs zu sein. In der Stadt ist dir sein Leineziehen auch ordentlich peinlich, weshalb du ihn dorthin kaum noch mitnimmst.

2. Schritt: Akzeptanz

Du akzeptierst, dass dein Hund für sein Verhalten immer einen Grund hat. Hinter dem Verhalten stehen Gedanken, Gefühle, Ziele, Sorgen und Pläne. Für ihn ist sein Verhalten logisch. Es ist seine Bewältigungsstrategie, seine Lösung für Probleme, seine Kommunikation. Für dich ist sein Verhalten ein Problem, für ihn schon die Lösung seines Problems.

Beispiel 1: In freier Natur würde ein Hund von sich aus niemals rudelfremde Individuen in sein Revier einladen, ihnen seine Schlafhöhle und seine Nahrungsressourcen anbieten. Für ihn ist dein Besuch ein Eindringling, den er auschecken oder loswerden will. Dein Hund ist aufgeregt und möchte die Situation in kontrollierte Bahnen lenken. Eigentlich will er in Ruhe sein Nickerchen machen, fühlt sich aber zu sehr für die Sicherheit verantwortlich. Deshalb kommt er erst zur Ruhe, wenn er den Besuch selbst beschnuppert hat und sich vergewissert hat, dass keine Gefahr droht.

Beispiel 2: Als Beutegreifer braucht dein Hund täglich bis zu 20 Stunden Ruhe- und Schlafzeit. Während du auf Arbeit bist, döst er zu Hause auf dem Sofa. Wenn du mit ihm rausgehst, ist er ausgeschlafen und voller Tatendrang. Würde dein Hund ohne dich leben, würde er nun auf die Jagd gehen. Dein Hund ist ungeduldig und freut sich auf den Wald. Dort darf er dann stöbern und rennen, doch immer, wenn er eine besonders spannende Wildfährte findet und ihr nachgehen will, rufst du ihn zurück. Das frustriert ihn, weshalb er nicht immer kommt. Wenn er die Wahl hat zwischen Jagdabenteuern und Leckerli, ist seine Entscheidung klar.

3. Schritt: Ursachenforschung

Du fragst dich, warum er tut, was er tut. Gibt es persönliche oder rassespezifische Besonderheiten, die sein Verhalten begünstigen? Ist er gerade in einer wichtigen Entwicklungsphase (z.B Pubertät) oder hat er durch eure Lebensumstände Stress? In vielen Fällen ist auch eine medizinische Abklärung nötig: hat dein Hund Schmerzen? Hört oder sieht er schlecht? Verträgt er sein Essen?

Beispiel 1: Als deutscher Schäferhund ist dein Hund sehr sensibel und aufmerksam. Seine Vorfahren haben nicht nur Schafe gehütet, sondern gleichzeitig das Hab und Gut des Schäfers beschützt. Wachsamkeit ist also tief in seinen Genen verankert, wohingegen zur Ruhe kommen und Verantwortung abgeben eher nicht so sein Ding ist. Außerdem hast du ihn mit 3 Jahren aus dem Tierheim geholt. Hier gab es keine feste Bezugsperson, die in brenzligen Situationen für ihn eingestanden hat. Er hat nie wirklich gelernt, sich auf Menschen zu verlassen und regelt die Dinge lieber selbst. Und das, obwohl er weiß, dass er jedes Mal als Verlierer aus der Situation geht, denn der Besuch kommt letztendlich ja trotzdem ins Haus.

Beispiel 2: Du hast deinen Zwergpudel von klein auf und nun ist er knapp 2 Jahre alt. Anfangs flitzte er dir immer hinterher, Leinenführung war kein Problem. Doch seit einem Jahr, also seitdem er die Pubertät durchlaufen hat, wird er immer selbständiger. Nachvollziehbar, denn woher soll er wissen, dass er als erwachsener Hund nicht bei dir ausziehen und mal eine eigene Familie versorgen wird? Als Apportierhund wurde der Pudel dazu gezüchtet, mit dem Menschen in Kooperation zu jagen. Er würde sich auch wünschen, dass du mit ihm gemeinsam Spuren verfolgst, hetzt und Mäuse ausbuddelst, doch du kommst nie mit, wenn er dir voller Begeisterung eine Wildspur zeigt.

4. Schritt: Problem lösen

Du löst das Problem deines Hundes und dein eigenes gleich mit. Entscheide in seinem Sinne, anstatt nur deine Wünsche im Blick zu haben. Überlege, welches Verhalten für deinen Hund zielführender wäre, was ihn weiterbringen würde und wie du sein Bedürfnis befriedigen kannst.

Beispiel 1: Du installierst ein Kindergitter an einer Stelle, von der aus dein Hund dich beobachten kann, wenn Besuch kommt. Er pöbelt zwar noch, wenn es klingelt, doch die ganze Situation ist entzerrt: der Besuch wird nicht mehr angesprungen und du kannst deinen Lieben deine ganze Aufmerksamkeit schenken, anstatt mit deinem Hund zu streiten, während sich alle irgendwie in die Wohnung schieben. Dein Hund sieht, wie gelassen und freundlich du bist und dass du die Situation im Griff hast. Er hat außerdem Zeit, sich selbst zu regulieren. Vielleicht kennt er den Besuch und merkt, dass keine Gefahr droht. Mit der Zeit lernt er, dass er gar nicht verantwortlich ist und wird immer entspannter, wenn es klingelt.

Beispiel 2: Du beginnst, für deinen Hund Fährten aus Tee, Wurstwasser und anderen Flüssigkeiten zu tropfen. Ans Ende packst du einen Futterbeutel, in dem er seine ganze Tagesmahlzeit findet. Manchmal nimmst du mehrere Beutel mit auf eure tägliche Runde, wo du sie dann wirfst oder versteckst, während dein Hund wartet. Dein Hund lieb es! Endlich kann er seiner Leidenschaft nachgehen. Und noch besser: du bist Teil des Abenteuers. Es gibt nur eine Regel: ihr geht gemeinsam und leinenführig zum „Jagdgebiet“. Anfangs sind die Wege sehr kurz, etwa 20 Meter. Doch mit der Zeit lernt dein Hund, dass es sich lohnt, sich zurückzunehmen. Seine Geduld ist ein Investment in eure gemeinsame Aktivität. Die Wege werden immer länger und letztendlich schafft ihr ganze Ausflüge mit lockerer Leine..

Fazit

Wenn du dir vor Augen hältst, dass sowohl Menschen als auch Hunde ihre eigenen Kinder ohne Belohnung erfolgreich erziehen, wird der Gedanke an natürliche Erziehung logisch.

Moderne Hundeerziehung ist nicht die Suche nach der besten Belohnung. Sie berücksichtigt neben Verhalten vor allem das innere Erleben deines Hundes und gibt ihm die Möglichkeit, sich in seinem Sinne wieter zu entwickeln.

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