Zugegeben, reißerischer Titel. Ich weiß natürlich nicht, mit welchen Gedanken und Emotionen du auf diesen Artikel geklickt hast. Aber sei versichert: es geht um Tierschutz.
Mich empört die Brut- und Setzzeit nicht, weil sie existiert, sondern weil sie impliziert, dass Wildtiere zu anderen Zeiten keinen Schutz brauchen. Lass uns mal gucken, ob das tatsächlich so ist. Und wie du aktiv Wildtierschutz betreiben kannst, ohne deinem Hund das Jagen zu verbieten.
Der besondere Schutz der Wildtiere in der Brut- und Setzzeit stammt ursprünglich aus dem Jagdgesetz. Hierbei geht es darum, Tiere zu bestimmten Zeiten nicht zu schießen, um den Fortbestand ihrer Populationen zu ermöglichen.
Als Hundehalter*in gelten für dich aus ethischer Sicht keine Jagdgesetze, sondern du hast ganzjährig die Verantwortung für deinen Beutegreifer. Denn: Tiere möchte auch außerhalb der Brut- und Setzzeit nicht gestört, belästigt, gejagt, verletzt oder getötet werden. Auch wenn dein Hund nicht zu jagen scheint*, kann sein Stöbern, Flitzen, Buddeln und sich annähern den Tieren Angst machen.

Neben der Brut- und Setzzeit gibt es andere sensible Zeiten, in denen Wildtiere unaufmerksam, beschäftigt und verletzlich sind.
Paarungszeiten: Die Paarungszeit variiert stark: Rehe und Dachse paaren sich im Sommer, Hirsche im Herbst, Wildschweine und Füchse über den Winter. Während dieser Zeit stehen die Tiere unter starkem hormonellem Einfluss und haben wichtige Aufgaben zu erfüllen. Dazu gehören Balzen, Kämpfen, Imponieren, Territorien verteidigen, Partnerinnen ausfindig machen, Umwerben und der Sexualkontakt an sich. All das sind für die Tiere heikle Momente, in denen sie unaufmerksam und auch verletzbar sind. Männliche Tiere, z.B. Rehböcke, verlieren in dieser Zeit einiges an Gewicht. Das muss bis zum Winter natürlich wieder ausgeglichen werden.
Daher ist auch der Herbst eine sensible Zeit. Viele Tiere bereiten sich jetzt auf den Winter vor: sie legen Nahrungsvorräte an, suchen einen sicheren Ort oder fressen sich Winterspeck an. Auch hier sind sie auf ihre Aufgabe konzentriert und unaufmerksam: sie können in euch hineinlaufen oder fliehen nicht rechtzeitig vor deinem Hund.

Zeitumstellungen: Studien zeigen, dass Wildunfälle um ca. 30% (plus erheblich höhere Dunkelziffer) in den Tagen nach den Zeitumstellungen im Frühjahr und Herbst zunehmen. Tatsächlich sterben viele unerfahrene Jungtiere in Autounfällen, noch bevor sie geschlechtsreif werden und Wildtiere sind durch die veränderten Stoßzeiten auf den Straßen irritiert.
Auch die Ausflugszeiten von dir und deinem Hund ändern sich durch die Zeitumstellung. Das kann dazu führen, dass du plötzlich in der Dämmerung auf Rehe, Igel und Co. triffst.
Winter: Viele Tiere halten Winterschlaf oder Winterruhe. Schreckt dein Hund sie auf, wird ihr Kreislauf unerwartet aktiviert. Das verbraucht wertvolle Energie, die eigentlich für das Überstehen der kalten Jahreszeit eingeplant war. Sind sie wach, müssen sie gegebenenfalls erneut Nahrung oder ein neues Versteck suchen. Und auch wenn sie das schaffen, kann es sein, dass die Energie nun nicht mehr bis zum Frühjahr reicht. Ein Erwachen aus dem Winterschlaf kann so den Tod bedeuten.
Zwischen Brut- und Setzzeit und Paarungszeit wandern viele Jungtiere ab, um eigene Reviere und Familien zu gründen. Sie sind unerfahren und haben vielleicht noch nie einen Hund oder einen Menschen gesehen. Von ihnen kann man noch nicht viel Vorraussicht erwarten.
Wie du siehst, haben Wildtiere ganzjährig so einiges zu tun. Da ihr nicht auf sie als Nahrungsquelle angewiesen seid, gibt es keinen Grund, sie mutwillig zu stören.
Wenn du jetzt denkst, dass du ja dann gar nicht mehr rausgehen kannst, habe ich eine gute Nachricht für dich: doch kannst du. Du musst deinem Hund nur eine sinnvolle Beschäftigung bzw. eine sinnvolle Alternative zur Jagd auf Wildtiere bieten.
Das Beuteschema wird zu einem großen Teil erlernt, was bedeutet, dass du es anpassen kannst. Weg von Wildtieren, hin zu seinem eigenen Essen. Es gibt nichts Natürlicheres, als sein eigenes Essen zu jagen. Da ein Hund seine Beute gerne packt, totschüttelt und herumträgt, brauchst du ein „Transportmedium“ für sein Essen. Hier kommt der Futterbeutel ins Spiel: Eine Art Schlampermäppchen, in das du die Mahlzeit deines Hundes hineinfüllst. So läuft er auch nicht Gefahr, versehentlich etwas Giftiges vom Boden aufzunehmen, denn er hat nun ein sehr eingeschränktes Beuteschema.
Diese Futterbeutel kannst du verstecken, verbuddeln, werfen und vieles mehr. Für deinen Hund ist es eine Ersatzjagd, die sein Bedürfnis nach Nahrungserwerb und sinnvoller sozialer Aktivität befriedigt. Durch das geteilte Interesse an der Aufgabe wird allein zu jagen für ihn immer uninteressanter. Außerdem kannst du Leine und Rückruf positiv besetzen und Frust bei euren Ausflügen reduzieren. Anstatt ihn von interessanten Wildspuren wegzurufen, rufst du ihn zu einem spannenden Beutel-Abenteuer (mit dir) hin.
Hier sind noch mehr Gründe, warum die Ersatzjagd Wildtiere schützt:

*Falls du unsicher bist, ob dein Hund überhaupt jagdliches Interesse hat und ob die Ersatzjagd etwas für euch ist, kannst du hier die Jagdsequenzen einmal überprüfen:
Viele Hunde zeigen durch ihre Rasse oder fehlende Erfahrung nur einen Teil der genannten Jagdsequenzen (z.B. wissen sie nicht, wie man ein Tier tötet oder ein totes Tier „öffnet“). Das wissen die Wildtiere allerdings nicht. Außerdem ist es viel schöner, wenn dein Hund eine Jagd mit zufriedenstellendem Abschluss (Essen, Verdauen und Ruhen) erleben darf.


Auch außerhalb der Brut- und Setzzeit ist es wichtig, achtsam und rücksichtsvoll unterwegs zu sein. Aktiver Wildtierschutz ist möglich und macht extrem Spaß, wenn du mit deinem Hund gemeinsam auf Ersatzjagd-Abenteuer gehst!
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